Die Illusion der Planbarkeit – und das Glück im Chaos

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„Man muss noch Chaos in sich haben,
um einen tanzenden Stern gebären zu können.“
– Friedrich Nietzsche

Heute gebe ich Euch einen Geheimtipp, mit dem Ihr in Sachen Produktivität, Planungen und Organisation Euer Leben verändern könnt. Das wird für ein paar unvorhergesehene Ergebnisse sorgen – aber wenn Du das Ganze richtig angehst, kann vielleicht die beste Arbeit Deines Lebens entstehen – und ganz nebenbei Freiheit, Freude und Glücksgefühle.

Was ist dieser magische Geheim-Tipp?

Er ist ganz einfach:

Lass los.

Kontrolliere nicht mehr alles

und erlaube Dir, Dich von den mächtigen Strömungen des Lebens mitreißen zu lassen.

Plane nicht mehr alles

und freue Dich darüber, dass Du nicht weißt, was passieren wird.

Mache Dich frei vom Drang nach Produktivität

und sei offen für neue Ideen, neue Möglichkeiten und spontane Kreativität.

Argumente für Unordnung und Chaos

Überlege einmal, was wir eigentlich tun, wenn wir unseren Tag, unsere Woche, unser Jahr planen: Wir versuchen, Kontrolle über das Leben auszuüben und sagen mit unseren Planungen voraus, welche Richtung unser Leben heute, diese Woche, dieses Jahr einschlagen wird.

Wir sagen:

„Das und das mache ich heute. So werden die Dinge laufen. Wenn ich damit fertig bin, ist das Leben gut. Das ist meine Vorstellung, wie mein Tag ablaufen wird.“

Jetzt überleg auch mal: Wir haben doch keine Ahnung, ob irgendetwas davon wahr ist.

Wir können die Zukunft nicht sicher vorhersagen.

Die Vorstellung, auf vagen Voraussagen Planungen aufbauen zu können, ist eine nette Annahme – aber sie bleibt eine Annahme, eine Fiktion.

Wir wissen nicht, was heute passieren wird – und erst recht nicht, was im Rest der Woche oder des Monats passieren wird. Zu wissen, was dieses Jahr passieren wird – was für eine Lüge!

Und wenn wir es wissen könnten?

Was, wenn wir jeden einzelnen Tag ganz genau vorhersagen und somit jeden einzelnen Tag ganz genau planen könnten? Wäre das schön?

Ich glaube, dass es wesentlich besch…eidener wäre, als es nicht zu können.

Die Zukunft schon zu kennen würde bedeuten zu wissen, was jeden Tag passiert – unsere Tage wären nicht nur unfassbar langweilig, wir wären auch fest auf einem vorgegebenen Weg.

Kennen wir die Zukunft, haben wir keine Freiheit mehr.

Wir wissen also nicht, was passiert – und sollten es auch nicht wissen wollen.

Wir können versuchen, Dinge zu planen, aber da diese Dinge nicht auf echtem Wissen basieren und wahrscheinlich nicht eintreten werden, ist das eigentlich Zeitverschwendung.

Was können wir anstelle von Hellseh-Versuchen und Planungen tun?

  • Freunde Dich mit der Ungewissheit an und sei offen für Veränderungen.
  • Lerne, Kontrolle loszulassen und surfe einfach auf der sich stetig verändernden Welle.
  • Lass die Unvorhersehbarkeit Taktgeber werden, lass den Zufall die Kraft im Leben sein, lass Spontaneität die Regel sein.

Sich ein für alle Mal mit dem Chaos anfreunden

Hier sind einige Gedanken, die ich mir in meinen Experimenten mit dem Loslassen gemacht habe:

Im Chaos arbeitet es sich besser.

Die Idee des geordneten Arbeitstags ist nett – aber sie ist eine Illusion. Und offen gesagt:

Langweilig ist sie auch.

Arbeit, die auf Spaß, Spiel und Spontaneität aufbaut, ist viel interessanter.

Stell Dir ein Projekt vor, das mit einer spontanen Idee beginnt und seine Richtung immer ändert, während Du daran arbeitest. Du nimmst Ideen anderer Menschen mit auf und hast auf einmal ein fantastisches Ergebnis – das Du Dir vorher nie so hättest vorstellen können.

So habe ich mein letztes Buch geschrieben, „The Effortless Life“, und ich hatte selten so viel Spaß an einem meiner Projekte. Seitdem arbeite ich an allen meinen Projekten genauso.

Ein ungeplantes Jahr.

Als ich 2007 mit Zen Habits angefangen habe, hatte ich mir mein kommendes Jahr vorher zurechtgelegt in Ziele, Aktionen und
Wochenpläne – die natürlich alle aus dem Fenster flogen, sobald ich mit dem Schreiben angefangen und meine ersten Leser kennengelernt hatte. Sie haben mein Leben mit ihrem Feedback und ihrer Aufmerksamkeit verändert.

Mein Leben wurde auf den Kopf gestellt, meine Pläne wurden wertlos und ich habe gelernt, dass das Leben zwar unvorhersehbar ist – dass die Unvorhersehbarkeit aber einige tolle Dinge mit sich bringen kann.

Sei offen für neue Möglichkeiten.

In diesem ersten Jahr von Zen Habits habe ich gelernt, offen für neue Möglichkeiten zu sein. Immer wieder öffneten sich Türen für mich, die ich nicht kannte – und nicht kennen konnte. Ich sah, wie eine Tür sich öffnete, dachte kurz nach, und ging dann hindurch.

Das passierte immer wieder und hat mir beigebracht, dass es unmöglich ist, einen Weg zu planen, wenn man gar nicht weiß, wohin einen die einzelnen Schritte überhaupt führen und welche Änderungen während des Laufens passieren können.
Sei offen zu Fremden.

Angenommen, Du planst Deinen Tag ganz strikt. Du hast Dein Produktivitätssystem gefeilt und geschliffen, Du stellst Aufgaben am laufenden Band fertig. Du bist eine Produktivitätsmaschine!

Jetzt triffst Du aber ganz zufällig einen Fremden, der Dich grüßt. Du grüßt zurück – und schon hast Du eine neue Möglichkeit: Du kannst mit ihm sprechen, ihn kennenlernen. Aber dann weichst Du ja von Deinem Plan ab! Hältst Du Dich also an den Plan…oder sprichst Du mit dem Fremden?

Naja, Dich an den Plan zu halten wäre sicher produktiver und würde Dir mehr Kontrolle über Dein Leben geben.

Wenn Du aber mit dem Fremden sprichst, könntet Ihr Freunde werden. Du könntest etwas lernen, das Du sonst nie gelernt hättest.

Einige meiner besten Freunde habe ich so kennengelernt – weil ich vom Plan abgewichen bin und mit Fremden gesprochen habe.

Chaos ist Kreativität – und Kreativität ist Chaos.

Sie sind ein und dasselbe. Kreative Arbeit passiert nicht durch Pläne und Kontrolle.

Klar, einige der größten kreativen Genies dieser Welt waren versessen aufs Detail, aber sie haben sich keinen Plan zurechtgelegt, um eine geniale kreative Idee zu entwickeln – sie hatten geniale kreative Ideen, weil sie offen waren für willkürliche Gedanken, weil sie Wege gingen, die noch nie jemand gegangen war, weil sie eine Idee von jemand anders annahmen und ihr eine neue Richtung gaben.

Kreativität kommt aus dem Chaos, und nur, wenn Du Dich der „Kontrolllosigkeit“ öffnest, kannst Du das meiste aus Deiner Kreativität herausholen.

Lesetipps: Zwei der besten Bücher, die ich kürzlich gelesen habe, handeln von der Unvorhersehbarkeit.

Sie wurden zufälligerweise von zweien meiner besten Freunde geschrieben – die ich beide beinahe zufällig im Internet kennengelernt habe. Mein Freund Jonathan Fields hat „Uncertainty“ geschrieben – es ist eine großartige Erkundung vieler Ideen, die sich um Unvorhersehbarkeit drehen. Meine Freundin Mary Jaksch hat mir neulich „Bring me the rhinoceros“ geschickt und nutzt dort tolle Zen Koans, um ähnlichen Ideen weiter auf den Grund zu gehen.

Beide Bücher kann ich wärmstens empfehlen.

Wenn wir von anderen nicht mehr erwarten, dass sie uns glücklich machen, können wir das Zusammensein viel mehr genießen.

Wir sind oft sauer auf andere Menschen, weil sie sich nicht so verhalten, wie wir es von ihnen erwarten. Wir erwarten von anderen, dass sie versuchen, uns glücklich zu machen, dass sie von ihrem eigenen Weg abweichen, nur um uns zufrieden zu stellen.

Dafür sind die anderen aber nicht da!

Wenn wir uns von diesen Erwartungen an die anderen freimachen, können wir sie so nehmen, wie sie sind – und ihre Einzigartigkeit mehr schätzen.

Wenn Du von Dingen nicht erwartest, dass sie nach Plan laufen, bist Du offen für das Ungeplante.

Es könnte unerwartet etwas passieren –

wenn Du mitgehst, musst Du Deine ursprünglichen Pläne verwerfen. Das kann wundervoll sein!

Viele Menschen (mein früheres Ich genauso) sind frustriert, wenn neue Dinge passieren, die nicht geplant waren, wenn Pläne schief gehen, aber das müssen sie nicht sein.

Erwarte einfach, dass Pläne sich ändern – oder plane einfach von vornherein gar nicht. Erwarte, dass etwas Unerwartetes passieren wird – und wenn es so weit ist, lächle darüber.

Freu Dich darüber, dass Du nicht weißt, was passieren wird.

Das ist DIE Freiheit schlechthin.

Du weißt nicht, was Du heute machen wirst oder was passieren wird. Du bist an nichts gebunden. Dir steht es komplett offen, was Du tust, welchen kreativen Drang Du verfolgst. Du kannst neue Dinge ausprobieren, wenn Du die Möglichkeit hast, Du kannst neue Menschen kennenlernen.

Das kann einem erst Angst machen, aber wenn Du lächelst, während Du an die Unvorhersehbarkeit denkst, wirst Du schnell merken, dass es ganz ganz viel Freude bringt.

Wenn Du Dich nicht auf ein Ergebnis festlegst, können viele verschiedene Ergebnisse herauskommen.

Die meisten Menschen sind festgelegt auf genaue Ziele und verfolgen diese erbarmungslos. Sie tun andere Möglichkeiten als Störungen ab.

Was aber, wenn Du kein festgelegtes Ziel hast? Was ist, wenn Du Dir sagst, dass jedes Ergebnis gut sein könnte?

So öffnest Du eine unendlich große Menge an Möglichkeiten – und Du lernst viel mehr, als wenn Du nur die Dinge machen und lernen würdest, die Du sowieso für Dein festgelegtes Ergebnis brauchst.

„Die Welt ist grausam und willkürlich – aber das Chaos ist einfach wunderschön.“ – Hiromu Arakawa

[Bildquelle: Marcalbrechthermanns auf Pixabay – danke!]

Leo Babauta

Leo Babauta ist der Autor des Blogs "Zen Habits" und mehrerer E-Books. Leo ist 'Minimalist', d.h. sein Ansatz stellt die Reduktion auf das Wesentliche stark in den Mittelpunkt. Im Kontrast zu anderen amerikanischen Coaches plädiert er häufig für weniger Druck, weniger Ziele, weniger preußische Disziplin. Leo Babauta ist verheiratet, hat sechs Kinder und lebt in Davis, Kalifornien.