Beim Laufen zu sich selbst finden: Auf Umwegen zum Eiffelturm

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Ich glaube, ich wurde dazu geboren, ständig auf Achse zu sein:

Ich habe das Herz eines Zigeuners – wenn ich zu lang am selben Ort bin, verhalte ich mich wie ein eingesperrtes Tier. Ich werde feindselig und aggressiv. Ich schlage urplötzlich auf willkürliche Menschen ein, so dass sie sich von mir zurückziehen, mich auslachen und aus sicherer Entfernung über mich reden.

Wenn ich aber meinem Herzen folge, führt es mich zum Glück – was in den meisten Fällen gleichbedeutend ist mit einem neuen Ort, einer neuen Welt, die ich entdecken kann. In diesem Prozess kann ich ICH sein.

In den USA fühle ich mich meistens eingeengt.

In den vergangenen sechs Jahren habe ich in fünf Staaten gelebt – überall habe ich Platzangst bekommen. Ich habe das große Glück, dass ich meinen Lebensunterhalt mit dem verdiene, das ich liebe, aber 75 Stunden in der Woche sind dann doch nicht so erfüllend, wie ich mir das vorgestellt hatte. 😉 Es kommt mir vor, als würde die Büro-Umgebung meine Seele bei lebendigem Leib auffressen.

Weil ich von Natur aus eine Entdeckerin bin, weiß ich, dass ich am besten funktioniere, wenn ich die Zügel lockere und einfach losrenne.

Heute bin ich im wahrsten Sinne des Wortes sehr frei gelaufen.

Ich bin wach geworden und dachte mir,

„ich jogge heute mal zum Eiffelturm – ohne Karte von Paris. Mir geht es nur darum, es zum Eiffelturm zu schaffen. Und ich halte erst an, wenn ich wirklich direkt unter diesem weltberühmten Wahrzeichen stehe.“

Meine Wohnung ist im neunten Arrondissement, ungefähr fünf Kilometer vom Eiffelturm entfernt – das war die einzige Information, mit der ich startete. Für mich war dieses Vorhaben mehr als nur ein ganz gewöhnlicher Lauf: Es war ein Abenteuer. Ich wusste nicht den genauen Weg, aber ich schnürte einfach meine schönen blauen Nikes fest, packte mir die Ohrhörer in die Ohren, drückte „Play“ auf meinem iPod und schon ging es los.

Wie ein frisch ausgebrochenes Pferd konnte ich ich selbst sein

und frei auf dem Kopfsteinpflaster der Straßen laufen, immer Richtung Südwesten. Jeder neue Schritt bot mir die Möglichkeit, etwas Neues zu entdecken, das ich so nie gesehen oder erwartet hatte. Wie ein Kind bewegte ich mich zum ersten Mal durch diese Welt.

Alles war ganz frisch, inspirierend, perfekt in seiner eigenen Art.

Ich lief immer weiter, an der Oper und den Großen Boulevards vorbei. Die Statuen auf den wunderschönen Gebäuden waren in unterschiedliche Schattierungen Gold getaucht, sie schauten mich freundlich lächelnd an und winkten mir zu, als ich an ihnen vorbei tänzelte.

Die Morgenluft war kalt und erfrischend, sie füllte meine Lungen mit Glück, während ich weiter lief. Hinter einer Ecke öffnete sich ein üppiger wunderschöner grüner Park, in dem riesige Bullen- und Tigerstatuen standen. Ich hatte gerade einen guten Rhythmus, also blieb ich nicht stehen, um sie näher zu betrachten. Ich wandte mich nach links und lief nun neben anderen Joggern im Park. Die dekorativen üppigen Bäume bogen sich in meinen Weg – ich fand mich in einer märchenhaften Szenerie wieder.

Ich lief weiter – und bemerkte plötzlich, dass irgendetwas nicht richtig war.

Ich wusste nicht was, aber ich spürte: Irgendetwas fühlt sich hier falsch an. Ich drosselte mein Tempo und überlegte, was ich tun sollte. Plötzlich stoppten meine Füße einfach und ich keuchte heftig. Ich schaute nach links und rechts, und auf einmal sagte meine innere Stimme: „Dreh Dich um!“ Vorsichtig schaute ich über die Bäume hinweg – und wie in einem Traum war er plötzlich da: Ich sah die Spitze des Eiffelturms und mir wurde klar, dass ich die ganze Zeit von ihm weggelaufen war.

In diesem Moment wurde mir bewusst, dass mein Lauf eine Metapher für mein ganzes Leben war.

Ich war mit einem Plan wach geworden.

Ich hatte ein ganz klares Ziel gehabt und gewusst, was ich tun musste und die Straßenkarte absichtlich zu Hause gelassen. Wie im echten Leben, wo wir uns Ziele setzen und großartige Pläne aufstellen können und wo doch in 9 von 10 Malen der Weg nie vorbestimmt oder derselbe ist. Wir kommen im Leben nur mit unserem Wissen der Vergangenheit vorwärts. Mit jedem Schritt bestimmen wir den „richtigen“ Weg.

Wie in meinem echten Leben hatte mir meine innere Stimme, mein Bauchgefühl, der Kompass, den wir alle haben, mitgeteilt, dass ich auf dem falschen Weg war. Klar: Er war schön und unterhaltsam – für eine Weile. Dann konnte ich aber die nörgelnde Stimme nicht mehr ignorieren, die mir sagte, dass ich anhalten soll und möglicherweise einen neuen Weg einschlagen muss.

Also setzte ich wieder einen Fuß vor den anderen und ging vorwärts zurück in die Richtung meines Traums. Ich war wieder auf dem Weg mit einem deutlichen Ziel vor Augen. Alles schien wieder in bester Ordnung zu sein. Bald war ich wieder im Park, kurz darauf auf einem großen offenen Platz mit Springbrunnen, die das Wasser in Richtung Himmel spritzten.

Obwohl ich erst fünf Minuten wieder auf dem richtigen Weg gewesen war, hielt ich an, um die Schönheit dieser Szene aufzusaugen.

Jaaaa, ich versteh schon: Das ist wieder mal eine Analogie für mein Leben – es ist wichtig, auch mal anzuhalten und die schönen Momente des Lebens zu genießen.

Wenn wir immer nur nach vorne preschen – meine Lieblingsbewegung -, bekommen wir von diesen Momenten nichts mit.

Wir bekommen vom Leben nichts mit.

Diese prächtigen Schönheiten um uns herum warten still und leise darauf, von uns entdeckt zu werden – und es ist unsere Aufgabe, meine Aufgabe, anzuhalten und sie zu genießen.

Einen Moment lang saß ich ganz still und war dankbar für meine zwei Beine, die mich hierher gebracht hatten.

Für meine Gesundheit und meine Fähigkeit, die Entscheidung zu treffen, laufen zu gehen.

Für meine Entscheidung, überhaupt nach Paris zu kommen und für das Glück, dass ich den Willen, den Mut und das Geld gehabt hatte, um her zu kommen.

Zufrieden lächelte ich und ging weiter auf mein Ziel zu:

Der Eiffelturm wurde nun immer größer.

Ich lief im Rhythmus meiner Musik an der Seine entlang – und passenderweise kam genau dann ein Cover des 80er-Jahre-Hits „I ran (so far away)“ [„Ich bin so weit weggelaufen“] von ‚A Flock of Seagulls‘.  Ich höre den Text noch in meinen Ohren:

„And I ran.
I ran so far away.
I just ran.
I ran all night and day.
I couldn’t get away.
A cloud appears above your head.
A beam of light comes shining down on you.
Shining down on you.“

[„Und ich lief weg.
Ich bin so weit weggelaufen.
Ich lief einfach nur weg.
Ich lief die ganze Nacht und den ganzen Tag.
Ich konnte mich nicht entfernen.
Eine Wolke erscheint über Deinem Kopf.
Ein Lichtstrahl scheint auf Dich herab.
Scheint auf Dich herab.“]

Das könnte der Soundtrack meines Lebens sein!

Ich laufe…manche denken, ich laufe vor mir selbst davon, aber ich weiß, dass ich laufe, um mich selbst zu finden.

Ich schaue auf, um den Eiffelturm zu sehen, und auf einmal ist er weg.

Vermutlich wird er von den Gebäuden verdeckt – ich fluche: „Mist! Was, wenn ich wieder in die falsche Richtung laufe?“ Im normalen Leben würde ich nun Panik bekommen. Ich würde denken: „Oh mein Gott! Ich habe mein Ziel aus den Augen verloren. Ich bin verloren. Ich weiß nicht, wo ich bin!“ Ich würde hektisch eine Karte öffnen, um so schnell wie möglich meine Position zu finden und sofort einen klaren Plan zurecht legen, der mich auf den Weg zurück bringt.

Ich bin aber dabei, die neue Shannon zu erfinden.

Die neue Shannon braucht keine Karte, um zu sehen, wo sie hingeht. Ich gehe einfach und schiebe die Angst beiseite. Sorgen, Angst und Verwirrung sind hier nicht mehr willkommen.

Dann ganz plötzlich, unerwartet, aus dem Nichts heraus taucht der Eiffelturm auf, so nah, dass ich ihn beinahe anfassen kann.

Er ist vielleicht zehn Meter entfernt und ich muss einfach anhalten. Ich mache meine Musik aus und starre ihn einfach nur mit großen Augen an. Langsam gehe ich vorwärts und bewundere seine Schönheit. Mein Herz rast – vor lauter Adrenalin und vor Stolz, dass ich es geschafft habe. Das hier ist noch spektakulärer, als ich es mir erhofft hatte. Ich umarme den Eiffelturm, als wenn er ein ganz persönlicher Traum wäre.

Ich habe mein Ziel erreicht.

Der Weg hierher war steinig und ich musste erst einmal seine Bestimmung finden, doch ich habe nicht aufgegeben – das hat den Prozess erfüllender, lohnender, gemacht. Ich atme tief ein: Das ist die Bestätigung, dass ich es richtig gemacht habe.

Wenn das alles ist, was ich im Leben tun muss – meinem Herzen folgen -, dann bin ich vielleicht näher am Glück, als ich dachte.

Heute bei meinem Lauf haben meine Nikes glaube ich eine große Rolle gespielt. Aber ganz bestimmt ist es im Leben genauso: Wir müssen uns nach vorne orientieren – „just do it!“ [PS: „Just do it“ ist der bekannte Werbeslogan des Sportkleidung-Herstellers Nike.]

Der Originalartikel „Running into love“ ist auf ihrem Blog Playwiththeworld erschienen.


  • Mit welcher Aktivität findest Du am leichtesten zu Dir selbst?
  • Folgst Du Deinem Herzen oder ist es Dir wichtiger, Dir Ziele zu setzen und sie zu erreichen?
  • Hat Laufen gehen für Dich eine ähnliche Bedeutung wie für Shannon? Was ist Deine liebste Strecke, Dein schönes Lauf-Erlebnis?
  • Wie setzt Du Dir Ziele?

Shannon Kaiser

Shannon schreibt auf ihrem Blog Playwiththeworld über ihre Reiseerfahrungen und ihre "Bucket List" - Dinge, die sie in ihrem Leben erreichen, machen und erlebt haben will. Aus ihren Geschichten hört man deutlich ihre Abenteuerlust heraus - ihr Motto ist "Liebe das Leben aus vollem Herzen". Ihre Geschichten sind bereits vier Mal in der Buchserie "Chicken Soup for the soul" ["Hühnersuppe für die Seele"] erschienen; außerdem schreibt sie regelmäßig für die Online-Plattformen TinyBuddha, CrazySexyLife und MindBodyGreen. Ihr erstes Buch "Find your Happy" (auch ein Punkt ihrer Bucket List :)) ist 2014 erschienen.